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Wie klingt Gentrifizierung?
Im Rahmen des „Favourite Sounds Project“ von Peter Cusack erstellt Prof. Sam Auinger zusammen mit Studenten des Studiengangs Sound Studies der UdK Berlin Projekte, die sich mit der Geschichte und den stadträumlichen Veränderungen zweier Orte am Prenzlauer Berg befassen. Am Kollwitzplatz und dem etwas südlicher gelegenen Schendelpark entstehen Arbeiten, die versuchen mit vergangenen oder entfernten klanglichen Situationen zu konfrontieren oder die Lebensräume an den beiden Orte auditiv zu erkunden.

 

Sonja Heyer
„Stadterneuerung: Lebensräume für wen?“

Berliner Stadträume, wie der Kollwitzplatz oder der Rosa-Luxemburg-Platz, haben sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall der Berliner Mauer begann besonders im Stadtzentrum ein Bauboom, der bis heute anhält.  Das aktuelle Nebeneinander von Häusern verschiedenster Baustile erzählt die wechselvolle Geschichte der Stadt von der Gründerzeit des späten 19. Jahrhunderts über die Zeit nach dem II. Weltkrieg bis zur Rekapitalisierung von Immobilien seit 1990.
Das Projekt „Stadterneuerung: Lebensräume für wen?“ ist das Resultat einer Forschung über den Zusammenhang von Hausqualitäten und Lebensräumen für Vögel um den Rosa-Luxemburg-Platz.
Bei meinen Spaziergängen rund um den Platz sowie die Schendelgasse stellte ich fest, das Häuserfassaden mit bestimmten Eigenschaften Nistmöglichkeiten für Vögel bieten, andere Häuser dies jedoch auf Grund ihrer Beschaffenheit verhindern.
In den 70er Jahren legte die Regierung der DDR ein Wohnungsbauprogramm auf, um dem Mangel an Wohnraum zu begegnen. Die typischen Plattenbauten entstanden und schlossen vom Krieg gerissene Baulücken. Diese Häuser wurden aus industriell vorgefertigten Betonplatten zusammengesetzt, zwischen denen einige Zentimeter breite Lücken verblieben, die später verkittet werden sollten. Dies geschah aus finanziellen Gründen jedoch nur in den wenigsten Fällen. Die Lücken verschlechterten die Energiebilanz der Häuser erheblich, hatten jedoch zur Folge, das Vögel mit Vorliebe in ihnen brüteten.
Eine weitere Eigenschaft der Plattenbauten sind ihre großen Balkone. Viele Menschen bepflanzten sie und hingen Nahrung für Vögel auf ihnen auf. Diese Tradition lebt bis heute weiter.
Gründerzeithäuser und Häuser, die in den letzten 20 Jahren gebaut wurden, haben normalerweise glatte Fassaden, die keine Schlupflöcher für Vögel bieten. Dazu kommt, dass Hausbesitzer oft die für den öffentlich Raum typischen Metallnadeln auf Dächern und Fensterbrettern anbringen, um Vögel , besonders Tauben, zu vertreiben. Nur Regenrinnen bleiben dann als Nistmöglichkeiten. Gerade Bewohner neuer oder sanierter Innenstadtviertel wünschen sich jedoch ausdrücklich mehr Natur in der Stadt.
Ich habe in der Nähe des Rosa-Luxemburg-Platzes, in der Schendelgasse, der Max-Behr-Straße und der Almstadtstraße Aufnahmen von all den Orten gemacht, wo Vögel nisten und Nahrung finden. Auf der beiliegenden Zeichnung sind alle Aufnahmeorte sowie ihre Qualitäten verzeichnet. Die Korrelation der Hausqualitäten mit den Lebensräumen der Vögel lässt Schlussfolgerungen für stadtplanerische Vorhaben zu.

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modul I | 30. Juni 2012